Glück und Schule gehören zusammen! Davon sind wir überzeugt. Wie können Schulen besser auf ein erfülltes Leben vorbereiten? Und wie können Schulen glücklichere Orte für SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern werden? Eine Gesprächsgruppe bei Action for Happiness beschäftigt sich mit diesen Fragen.
Die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen – nur ein Traum oder wirklich ganz konkret auch in der Schule machbar? Erfahre, warum das Stärken positiver Persönlichkeitsmerkmale gerade jetzt wichtig ist: In Schule, Familie und im Zusammenleben allgemein. Sei beim spannenden Gespräch mit zwei Praktikerinnen dabei. “Klasse! Mit Charakter”
“Klasse! Mit Charakter” mit Ina & Uta vom 26. April 2022. Sie wollen Eltern, Lehrkräfte, PädagogInnen inspirieren und ermutigen. Sie sagen: „Gerade jetzt gilt es die eigenen Werte und Tugenden zu erkennen und zu entwickeln!“
Die Trainerinnen Ina und Uta zeigen uns, wie sie Schulklassen darin unterstützen, einen eigenen inneren Kompass zu stärken. Sie sind Teil des weltweiten „Virtues Projects“ und lassen uns teilhaben an ihren zahlreichen Erfahrungen. Außerdem praktizieren sie mit uns auch eine konkrete Übung, die unser Potenzial ins Licht heben kann. Für ein friedvolles Miteinander, in dem uns unsere Charakterstärken den Weg zu dringend notwendigen Lösungen ebnen. In Schulklassen, in Familien, in der Nachbarschaft und auch viel weiter gedacht! Lass Dich inspirieren!
Tugenden sind keine altbackenen Traditionen, sagt Ina Seidel-Rarreck. Die ausgebildete Tanzlehrerin hat ein Projekt für Schulen entwickelt, in dem Kinder spielerisch Tugenden wie Verbindlichkeit und Empathie lernen. Juliane Krebs hat eine Stunde in Gelsenkirchen besucht.
Gelsenkirchener Schüler bekommen im Unterricht Begriffe wie "Sorgfalt", "Achtsamkeit" und "Respekt" vemittelt. Warum die Schule dort einspringen muss, wo Gesellschaft und Familie oft versagen.
Gelsenkirchen. Die vertrocknete Blüte einer Sonnenblume macht die Runde im Stuhlkreis der Achtklässler. Besonders die Kerne erregen Interesse. Einige probieren, andere nehmen einen mit. Zum Einpflanzen. "Wenn daraus eine neue Sonnenblume wachsen kann, bedeutet das doch, dass alle Angaben, wie die mal aussehen wird, im Samen gespeichert sind. Wie auf einem Computerchip. Genau so ist das mit den Tugenden. Die sind alle in uns angelegt. Und so, wie wir diese Pflanze pflegen, müssen wir auch die guten Eigenschaften in uns selbst pflegen."
Ina Seidel-Rarreck ist selbstständige Trainerin für moderne Umgangsformen, Tugenden und Werte. Jede Woche kommt sie in die Malteserschule, eine Förderschule mit Schwerpunkt Lernen sowie seelische und emotionale Entwicklung im Gelsenkirchener Süden. „Die Tugend der Woche ist die Sorgfalt", klärt die 54-Jährige, was heute auf dem Programm steht. Für manch einen im Raum ist das noch ein abstrakter Begriff. „Das bedeutet, man trägt Sorge, dass etwas gut klappt. Das hat viel zu tun mit der Tugend vergangenen Woche. Welche war das?" Ein Schüler meldet sich: „Achtsamkeit." Richtig. "Aber man braucht noch vier andere Faktoren." Nummer Eins: "Zeit."
Das verdeutlicht ein praktisches Beispiel. Zwei weiße Blätter mit dem Bild eines Osterhäschens in der Mitte werden verteilt. Jeweils eine junge Dame soll diesen ausschneiden. Die eine in 30 Sekunden. Die andere in der Zeit, die sie braucht. Natürlich rägt das erste Ergebnis Spuren der Eile. Sofort überträgt die Trainerin dies auf die täglichen Hausaufgaben. „Wenn ich die unter Zeitdruck mache, sehen die so aus. Denkt immer an den Hasen."
Debatte um Werte
Im vergangenen Jahr wurde deutschlandweit die Debatte um Werte derart groß, dass der Verband Bildung und Erziehung eine Studie dazu in Auftrag gab. Das Ergebnis: Eltern wie Lehrern sind Tugenden wichtig. Gleichsam sehen sie sie nicht mehr vermittelt. Bestenfalls gut die Hälfte der Eltern geben je nach Fragestellung an, der eine oder andere Wert werde erfolgreich gelehrt. Die Vermittlung wird heute im Wesentlichen als eine Aufgabe der Schule angesehen.
Früher wirkten an der Erziehung von Kindern viele Menschen mit, allen voran die unterschiedlichen Generationen innerhalb der eigenen Familie. Aber auch die Mitglieder der individuellen sozialen Strukturen, die Nachbarn, der Fußballtrainer, der nette Polizeibeamte, der den Bezirk zuständig war. Heute beherrschen der Drang nach Selbstentfaltung und der daraus resultierende Individualismus das Leben. Das Miteinander in der realen Welt leidet darunter, so die Studie. „Man müsste tatsächlich erst die Eltern schulen", sagt Ina Seidel-Rarreck.
Rücksicht vorleben – Im Gespräch mit Ina Seidel-Rarreck, Trainerin für moderne Umgangsformen
Denise Klein: Frau Seidel-Rarreck, weshalb meinen sie, ist es nötig, den Jugendlichen von heute Benehmen beizubringen?
Ina Seidel-Rarreck: Leider impliziert die Frage ja, dass Jugendliche sich heutzutage nicht mehr benehmen können. Das kann man nicht generell so sagen. Allerdings werden in so manchen Familien viele traditionelle Umgangsformen nicht mehr bewusst gepflegt und so auch nicht mehr an die Kinder weitergegeben. Vieles muss über Kita oder Schule nachgeholt werden, was aber nicht so effektiv ist, wie das Vorleben der Umgangsformen und Tugenden innerhalb der Familie. Außerdem mischen sich seit vielen Jahren die Kulturen und wachsen zusammen, so dass man gut hinschauen muss, welche Gemeinsamkeiten wir haben, was wir bewahren wollen oder wo wir etwas Neues in unsere Kultur aufnehmen wollen.
War es nicht schon die Klage aller Generationen zuvor, dass die Jugend von heute sich unmöglich benehme?
Schon Goethe beschwerte sich, dass die Jugend sich nicht benehmen könne. Frühere Zeiten waren sehr stark geprägt durch Disziplin, Respekt, Moral, Gehorsam, Unterwürfigkeit, Dienstbarkeit usw. Wenn wir mal ehrlich sind, sind wir froh, dass die Gegenspieler dieser Tugenden Freiheit und Gleichheit heißen. Leider wird das mit der Freiheit und Gleichheit oft überreizt. Wenn ein Schüler zum Beispiel zu seinem Lehrer sagt „Mann, Alter, regen Sie sich nicht so auf, ich hab doch nur kurz ´ne What’s App von meiner Mutter beantwortet“, dann muss man eindeutig sagen, dass das Maß an Freiheit und Gleichheit überschritten wurde.
Welchen Erfolg erzielen Sie bei den Jugendlichen? Gibt es Aha Erlebnisse? Auf beiden Seiten?
Mir ist es wichtig, dass die Jugendlichen nicht das Abc der Umgangsformen auswendig lernen, sondern eine Kenntnis über die, in allen Weltreligionen gültigen Tugenden und deren Art der Anwendung erfahren. Wenn sie verstehen, was Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit, Friedlichkeit, Dankbarkeit oder Geduld bedeuten, können sie sich entsprechend verhalten. Wenn man also die Schüler einer Klasse fragt, wo und wann sie in der Schule Fürsorglichkeit sehen und zur Antwort bekommt: „Die Lehrer zeigen Fürsorglichkeit, indem sie jeden Morgen zur Schule kommen und uns unterrichten.“, dann freue ich mich schon, dass es den Kindern gelingt, die Arbeit der Lehrer anzuerkennen und nicht, wie inzwischen üblich, nur über Lehrer schimpfen. Auch die Wahrnehmung der guten Charaktereigenschaften und Tugenden untereinander stärkt das Selbstwertgefühl, und sie trauen sich mehr zu. Speziell die vielen positiven Bewertungen der Schüler im Praktikum durch die Verantwortlichen in den Betrieben zeigen, dass viele der besprochene Tugenden gepflegt wurden. Beim Training der Tischmanieren fragte mich ein Schüler, warum sie denn wissen müssten, dass man das Brot bei Tisch im Restaurant nicht als Butterbrot schmiert, sondern Stück für Stück abbricht und mit Butter bestreicht, obwohl dies nur 1 % aller Restaurantbesucher wissen. Ich gab ihm zur Antwort: “ Weil du jetzt zu dem 1% gehörst, die es vorzüglich machen.“ Bei unserem Abschlussessen im Hotel Maritim überreichte er mir einen Blumenstrauß im Namen aller Schüler und bedankte sich für die Chance, die ich ihnen gegeben habe, zu dem 1 % zu gehören.
Sind Manieren heutzutage nicht total veraltet?
Gutes Benehmen erleichtert das menschliche Miteinander, und man punktet immer, wenn man sich als vorzüglich erweist. Welchen gesellschaftlichen Code erachten Sie als besonders wichtig? Rücksicht. Friedliche gesellschaftliches Miteinander kann nur funktionieren, wenn wir auf die Bedürfnisse des anderen achten und dann mit den entsprechenden Umgangsformen reagieren. Beispielsweise erwartet ein Lehrer in der Klasse ein respektvolles Verhalten von seinen Schülern, damit in Ruhe gelernt werden kann. Also müssen die Schülerinnen und Schüler wissen, dass es für ein erfolgreiches Lernen Ruhe, Aufmerksamkeit und Stille in der Klasse braucht. Es wird heute viel über Spiegelneuronen berichtet. Das ist im Prinzip das Gleiche. Man schaut, was macht der andere und verhält sich ähnlich. Das kann man üben.
Was kann Familie, was kann Schule leisten, um Jugendlichen die richtigen Umgangsformen beizubringen?
Vorleben, vorleben, vorleben. Respektvollen Umgang miteinander pflegen, Grenzen setzten und friedlich bleiben. Und dann die Kleinigkeiten des guten Umgangs kurz erklären. Es ist kein Hexenwerk, wenn die Basis der Tugenden angelegt ist.
Ist schlechtes Benehmen eine Frage des Alters?
Nein, schlechtes Benehmen ist keine Frage des Alters, sondern des Charakters. Wer nicht gelernt hat Mensch, zwischen anderen Menschen zu sein und auch auf die Wünsche und Bedürfnisse anderer zu achten, ist ein Egoist und benimmt sich auch so. Eltern, die ihren Kindern keine Grenzen setzen, erziehen sie zu kleinen Egoisten. Ihnen wird es s im späteren Leben schwer fallen, auf die Bedürfnisse von Lehrern, Lebenspartner, Freunden und Vorgesetzten adäquat zu reagieren. Sie neigen daher häufiger zu Konflikten, die schwerer zu lösen sind. Ist man geübt im Umgang mit den Tugenden und Umgangsformen, fällt es leichter, eine für alle akzeptable Lösung zu finden und sich im Konflikt ruhig und friedlich zu verhalten. Es geht nicht darum, dass man sich durchsetzt, sondern seine Interessen freundlich und friedlich unterbreitet.
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