Ina Seidel-Rarreck vermittelt Kindern Tugenden wie Geduld und Toleranz. Was auf den ersten Blick altmodisch klingt, nehmen Schülerinnen und Schüler begeistert auf.
Eine Minute kann fürchterlich lang sein. Mäuschenstill ist es in der vierten Klasse der Bodelschwinghschule im Essener Stadtteil Altendorf, als die Schülerinnen und Schüler schätzen sollen, wie lang eine Minute dauert. Manche schließen die Augen, einige Kinder zählen stumm die Sekunden. Alina meldet sich als Erste. „Jetzt!“, ruft sie in den Raum, und Ina Seidel-Rarreck klatscht begeistert in die Hände. „Da habt ihr aber geduldig abgewartet und die Minute sehr gut geschätzt. Letztes Mal hat sich der erste Schüler schon nach 35 Sekunden gemeldet, weil er dachte, die Minute sei um“, sagt sie.
„Geduld“ ist die Charaktereigenschaft, die Seidel-Rarreck den Schülerinnen und Schülern heute ans Herz legen möchte. Die freiberufliche Trainerin vermittelt Schulklassen im Ruhrgebiet spielerisch Werte und Tugenden. „Das sind Schätze, die wir in uns tragen und die wir pflegen und polieren müssen, um sie zum Glänzen zu bringen“, erklärt sie.
Trainerin Ina Seidel-Rarreck (links) und Hannelore Herz-Höhnke. „Eigentlich müssten ‚Tugenden‘ ein Schulfach sein – und zwar nicht nur an Schulen im Brennpunkt“, findet die Schulleiterin.In der Bodelschwinghschule in Essen setzt man auf das Werte- und Tugendtraining, das laut Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke unbedingt fortgeführt werden soll.
„Die Werte sind in allen Nationen ähnlich“
An der Bodelschwinghschule sind Kinder aus 50 Nationen vereint, 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. „Die Werte sind in allen Nationen ähnlich“, betont Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke. Allerdings hätten Eltern grundsätzlich immer häufiger wenig Zeit oder auch Interesse, ihren Kindern soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit, Ordnung oder Höflichkeit näherzubringen. Als sie von Ina Seidel-Rarreck und ihrem Angebot hörte, war Herz-Höhnke deshalb sofort begeistert.
Eine Sponsorin spendete 2024 eine größere Summe, seitdem steht in den dritten und vierten Klassen mittwochs „Tugendtraining“ auf dem Stundenplan. Anhand von Beispielen, in Gesprächen und Rollenspielen lernen die Kinder eine Schulstunde lang eine positive Charaktereigenschaft kennen. Worte wie Ausdauer, Rücksicht oder Gerechtigkeit, die sonst nicht unbedingt zum Wortschatz von Grundschülerinnen und Grundschülern gehören, gehen den Mädchen und Jungen inzwischen ganz selbstverständlich über die Lippen. Die Hoffnung, die hinter dem Training steckt: Wer weiß, was etwa Friedlichkeit, Rücksichtnahme oder Selbstständigkeit bedeuten, verhält sich auch eher entsprechend.
Die positiven Effekte des Trainings sind allgegenwärtig. In den Klassenzimmern und auf den Fluren höre Herz-Höhnke, wie sich die Sprache der Kinder zum Positiven gewandelt habe.In der Mitte ein funkelnder Stein – darum herum verschiedene Werte und Eigenschaften auf Karten. Ein Mitmachbaustein des Werte- und Tugendtrainings von Ina Seidel-Rarreck.
Verstaubter Begriff – zukunftsweisende Skills
Bevor es an der Bodelschwinghschule mit dem Training losging, musste zunächst das Kollegium überzeugt und geschult werden. Einige Lehrkräfte seien in ihrer Fortbildung über den Begriff „Tugend“ gestolpert, gibt Seidel-Rarreck zu. Altmodisch und verstaubt wirkt das Wort auf manche Menschen, die es mit Pflicht und Disziplin verbinden. Ihnen erklärt die Trainerin, was sie darunter versteht: Stärken und Zukunftskompetenzen. Sie möchte vermitteln, das Gute in sich selbst und in anderen zu sehen. Den eigenen Charakter positiv zu formen, meint sie, könne man genauso trainieren wie Muskeln. Gelernt hat sie ihre Überzeugungen beim 1988 in Kanada gegründeten Virtues Project, das Tugenden als Grundlage für ein gelingendes (Zusammen-)Leben sieht.
An diesem Mittwoch im Herbst sitzt die vierte Klasse im Stuhlkreis um einen riesigen, glänzenden Diamanten herum, den Seidel-Rarreck auf ein dunkles Seidentuch gelegt hat. Ringsherum drapiert sie Karten. „Durchhaltevermögen“ steht darauf, „Hilfsbereitschaft“ oder „Behutsamkeit“. „Der Diamant steht als Symbol für alle Tugenden, die wir in uns tragen“, erläutert Seidel-Rarreck. Doch das wissen die Kinder längst, schließlich haben sie im vergangenen Schuljahr schon zahlreiche positive Begriffe gelernt. „Ordentlichkeit bedeutet, dass ich ein Spielzeug wieder auf seinen Platz lege“, erklärt Lina. „Mit Humor bringe ich Menschen zum Lachen“, meint Ömer. „Wenn ich Angst habe und mich überwinde, dann ist das mutig“, sagt Layla. Und Alicia veranschaulicht, was Kreativität heißt: „Man hat selbst etwas im Kopf und macht nicht nur das, was andere machen.“ Am Ende der Stunde überreicht Seidel-Rarreck jedem Kind einen gläsernen Edelstein – damit es sich immer daran erinnert, wie viele Stärken in ihm schlummern.
„DER DIAMANT STEHT ALS SYMBOL FÜR ALLE TUGENDEN, DIE WIR IN UNS TRAGEN.“ (Ina Seidel-Rarreck, Wertetrainerin)
Wertevermittlung als Teil des Schulalltags
Für Schulleiterin Herz-Höhnke ist das Tugendtraining ein voller Erfolg. In den Klassenzimmern und auf den Fluren hört sie, wie sich die Sprache der Kinder zum Positiven gewandelt hat. Nach den Sommerferien wollten viele von ihnen wissen, wann es mit dem Training weitergehe. „Die Kinder nehmen aus diesen Stunden ganz viel mit“, sagt sie, schließlich sei von Deutsch über Ethik bis Sport auch viel Gutes darin enthalten. Eigentlich, findet die Schulleiterin, müssten „Tugenden“ ein Schulfach sein – und zwar nicht nur an Schulen im Brennpunkt.
Fortführen möchte sie das Projekt unbedingt, notfalls als AG im offenen Ganztag. Nachhaltig wirke das Konzept aber nur, wenn es im Alltag gelebt werde. Deshalb hängt im Flur vor dem Sekretariat auch eine Tafel mit der „Tugend der Woche“. Heute steht darauf: „Toleranz“.
Ina Seidel-Rarreck hat erfolgreich die internationale Ausbildung zur Master Facilitatorin abgeschlossen. Das Virtues Project Germany gratuliert ihr dazu herzlich und wünscht ihr viel Freude und Erfolg bei ihrer weiteren Arbeit. Hier ein Auszug aus dem internationalen Facilitator Bulletin des Virtues Projects in deutscher Übersetzung (Ausgabe 44, Juli 2025)
Meine persönlichen Stärken lagen schon immer eher im kreativen Bereich. Nach dem Abitur absolvierte ich eine Ausbildung zur Tanzlehrerin für die Tanzschule meiner Großeltern. Seit meinem 19. Lebensjahr unterrichte ich täglich Gruppen aller Alters- und Leistungsstufen und habe dabei gelernt, mein Wissen mit Freude und Leichtigkeit an meine Schüler zu vermitteln.
Nach dem Verkauf meiner Tanzschule begann ich 2011 damit, regelmäßig moderne Umgangsformen (Etikette) an Schulen zu unterrichten.
2012 nahm ich an einem Einführungskurs des Virtues Project Germany™ teil, der mir zeigte, wie eng Etikette, Benehmen und Tugenden miteinander verbunden sind. Nach und nach begann ich, das Thema Tugenden in meinen Unterricht über Umgangsformen zu integrieren. Heute unterrichte ich ausschließlich Tugendstunden an Schulen.
Als Facilitatorin seit 2017 habe ich Einführungskurse in deutschsprachigen europäischen Ländern gegeben, inspirierende Vorträge an Schulen gehalten und regelmäßige Tugend-Treffen organisiert.
Die Kombination aus meiner Fähigkeit, mit Leichtigkeit und Humor zu unterrichten, meiner Expertise in modernen Umgangsformen sowie der Anwendung der Fünf Strategien des Virtues Project™ führten mich 2017 zur Gründung von WERTEVOLL – einem Unternehmen, in dem ich jungen und junggebliebenen Menschen helfe, ihre Charaktereigenschaften und ihren inneren Kompass zu entwickeln.
Meine Erfahrung aus über 2.000 Tugendstunden ist in meinen Ausbildungskurs „Klasse mit Charakter“ eingeflossen, den ich online mit Lehrkräften teile, die bereits einen Einführungskurs absolviert haben. Dieser Kurs enthält Stundenpläne für 12–15 komplette Unterrichtseinheiten – genug Material, um ein ganzes Jahr lang jeden Monat eine Tugendstunde zu gestalten. Das ist für viele Lehrkräfte eine große Unterstützung.
Seit Kurzem kombiniere ich das Virtues Project mit der Initiative „Inner Development Goals“ an Schulen. Für mich ist diese Kombination sehr logisch und wertvoll, da beide Initiativen dieselbe Vision teilen und sich wunderbar ergänzen.
Die erste Strategie, mit ihrer wunderbaren Sprache, begleitet mich täglich und motiviert mich, mit einem wachen Geist und Bewusstsein zu kommunizieren. Leider richten wir in unserer Gesellschaft oft zuerst den Blick auf Fehler, mit dem Ziel, daraus zu lernen. Dies führt jedoch nicht zum gewünschten Ergebnis. Mein Motto lautet daher: Zuerst das Gute anerkennen und so Selbstwirksamkeit beim Gegenüber erzeugen. Das Leuchten in den Augen der Menschen zu sehen, wenn man ihre Tugenden anerkennt, ist meine größte Motivation, täglich weiter am Virtues Project zu arbeiten.
Ich werde diese Vision und Mission in den kommenden Jahren mit großem Engagement weiter an Schulen tragen. Als Master Facilitatorin möchte ich diese Vision sowohl im deutschen Verein als auch international in einem weltweiten Netzwerk von Verbindung, Frieden und Einheit, aufgebaut auf Vertrauen und Zusammenhalt, gemeinsam mit euch allen fördern.
Potentiale, die wir in uns tragen. Haltungen, die das Leben bereichern. Kompetenzen für ein achtsames Miteinander
„Moment mal!" Diese Schlagzeile und die Definition haben mich neugierig gemacht. Es gibt also Menschen in Deutschland, die sich intensiv mit Tugenden beschäftigen?
„Der Begriff mag etwas altmodisch klingen, aber was wäre das Leben ohne Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Hilfsbereitschaft oder Zuversicht? In der Bibel steht, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Das bedeutet, dass Gott uns eine Kraftquelle an die Hand gegeben hat, mit der wir unser Leben auf eine liebevolle Weise leben können. Jesus zeigt uns, was diese Kraftquellen sind. Er hat es uns vorgelebt, es sind die Tugenden.“ erklärt mir Sonja Ribbeck Master Facilitator aus Köln, 1. Vorsitzende des Virtues Project Germany e.V. in Deutschland. Sie erklärt mir, was es mit dem Virtues Project auf sich hat.
„In Kanada arbeite das Pychologenehepaar Linda Kavelin Popov und Dr. Dan Popov im Bereich der Charakterbildung und des Sozialtrainings an Schulen, bei Kinder- und Jugendprogrammen sowie mit aggressiven Gewalttätern und Gefängnisinsassen. Dabei sahen sie sich mit einer steigenden Gewalt bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Sie stellten fest, dass Gewalt das Symptom ist und ein Gefühl der Sinnlosigkeit die Ursache. Während sie nach Lösungen suchten, führte ihr Mann, eine Studie durch, die sich mit den Werten und Tugenden in verschiedenen Weltreligionen beschäftigte. Im Gespräch mit Ihrem Bruder John Kavelin, gab es plötzlich bei den dreien einen AHA-Moment. Sie entdeckten, dass die Tugenden in allen Kulturen und Weltreligionen das Herzstück des Lebenssinnes sind. (Abb. Tugendliste)
Aus dieser Zusammenarbeit wurde 1988 in Kanada das VIRTUES PROJECT gegründet. Dies ist eine weltweite Initiative, welche sich auf Basis der Tugenden und den sogenannten 5 Strategien mit Persönlichkeitsentwicklung, Potenzialentfaltung, Beziehungsgestaltung, Friedensarbeit und Wertevermittlung beschäftigt. 1994 wurde das VIRTUES PROJECT von den Vereinen Nationen als vorbildhafte Initiative für alle Kulturen ausgezeichnet.“
Das Benennen ist der Schlüssel. Das ist Beziehungspflege. Da öffnet sich ein Herz. Es bestärkt in den Qualitäten!
Wenn wir die Tugenden in uns tragen, warum funktioniert das nicht immer mit der Dankbarkeit oder Gelassenheit? Katja van Leeuwen, Facilitator des Virtues Project in Königswinter, erklärt mir die erste der 5 Strategien des Virtues Projects . Sie lautet: „Sprich die Sprache der Tugend.“ Wenn wir eine achtsame Sprache verwenden, in anderen Menschen Tugenden erkennen und diese benennen, kann sich das Beste in uns und anderen entfalten. Mit Tugenden können wir Anerkennung geben, Dank aussprechen, Prozesse begleiten oder auch korrigieren.“ Sonja Ribbeck ergänzt eine weitere Strategie: Klare Grenzen setzen. „Klarheit ist auch eine Tugend. Es geht also nicht um „Wir haben uns alle lieb“, sondern um auf Tugenden basierende Vereinbarungen. Das fördert in allen Lebensbereichen Klarheit, Sicherheit und Verantwortung und kann auch um Wohlbefinden beitragen. Werden die Grenzen nicht eingehalten, dann ist Wiederherstellung der Gerechtigkeit und des Vertrauens notwendig und die Wiedergutmachung wichtig.“
„Jesus hat den Jüngern nicht den Kopf, sondern die Füße gewaschen“
Das Virtues Project will den Einzelnen, aber auch Gruppen unterstützen, wertschätzend und bewusst miteinander umzugehen, mit Impulsen an der eigenen Charakterbildung zu arbeiten und daran zu wachsen. Facilitator des Virtues Project gehen auch in Schulen. Dort nehmen sie sich z.B. einzelne Tugenden vor und erarbeiten gemeinsam, was an dieser Tugend guttut und wie sie wirkt, auf einen selbst und auf andere und stellen die Wirkungsweise der 5 Strategien vor.
Was ist Ihre Kurzformel für ein gutes Miteinander? Sonja Ribbeck lacht auf und sagt: Man könnte es in drei Kernsätze zusammenfassen: „Ich sehe dich. Du schaffst das. Bis hierhin und nicht weiter.“
Tugenden bedeutet also das rechte Maß finden? „Ja, nehmen wir das Beispiel Ordnung und Kreativität. Beides sind Tugenden. Ich sage immer, es muss Liebe dabei sein. Also der achtsame Blick – Ordnung ohne Liebe macht kleinlich. Oder wie es meine Kollegin Ina Seidel-Rarreck, die Tugendunterricht in einer Brennpunktschule unterrichtet, einmal ausdrückte, seien Fürsorge, Mitgefühl oder Höflichkeit in allen religiösen Schriften zu finden. Dabei handle es sich um Fähigkeiten, die man gezielt einsetze. Fleißig sein bis zum Burnout sei nicht das, was ihr Unterricht vermittle: „Eine Tugend ist immer eine Charakterqualität in der ausgewogenen Mitte.““
Wie kann ich an meinen Tugenden arbeiten? „Ich möchte das gerne an einem Beispiel der Tugend „Gelassenheit“ sichtbar machen und stelle Ihnen dazu ein paar Fragen.
Denken Sie an eine Situation, die für Sie eine Herausforderung war. Wie hätte sich die Situation verändert, wenn Sie hätten gelassen damit umgehen können?
Woran hätte Ihr Gegenüber gemerkt, dass Sie gelassen reagieren?
Wer hätte den größten Nutzen gehabt, gelassen zu bleiben und warum?
Wo in Ihrem Berufsleben wünschen Sie sich mehr Gelassenheit?
Wie würde sich Ihre Weltsicht mit dem Blick der Gelassenheit ändern?
Was würde sich sofort ändern?
Und woran würden Ihre Mitmenschen das als erstes merken?
Was wäre das größte Geschenk für Sie?
Hier wird sehr deutlich, dass allein schon der Blick auf nur eine Tugend, für Veränderung in meinem Denken und Handeln führen kann und das Miteinander zum Positiven wendet.
Jesus hat in seinem Leben unzählige Beispiele gegeben. Er hat uns gezeigt was es bedeutet Mitgefühl, Vertrauen, Glauben und Liebe zu leben. Wie schön, dass genau diese Tugenden alle Menschen vereinen. Auf dieser Basis ist ein friedliches Zusammenleben, welches auf Respekt aufgebaut ist, möglich.
Ich lade Sie ein, sich die ein und andere Tugend anzusehen und zu überlegen, wie und wo diese für Sie einen Mehrwert bringen könnte oder wie sich eine Situation verändern kann, wenn Sie diese Tugend leben.“
Herzlichen Dank für die bereichernden und wertschätzenden Gespräche an Katja van Leeuwen und Sonja Ribbeck.
Tugenden wie Verlässlichkeit, Empathie und Integrität sind zentrale Ressourcen für Vertrauen, Zusammenarbeit und Gemeinwohl. Dieser Beitrag zeigt, wie Mitarbeitende und Führungskräfte Tugenden gezielt fördern können — auch mit knappen Ressourcen.
«Betrachte den Menschen als ein Bergwerk reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert.» Dieser Gedanke erinnert uns daran: Jeder Mensch verfügt über positive innere Eigenschaften – Tugenden wie Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Integrität oder Geduld. In der Arbeitswelt werden solche Qualitäten selten explizit thematisiert, obwohl sie erheblich zu Motivation, Zusammenarbeit und Leistungsfähigkeit beitragen können.
Tugenden sind keine fixen Eigenschaften, sondern Potenziale, die entwickelt werden können – vergleichbar mit Kompetenzen. Tugenden richten sich jedoch nicht primär auf individuelle Leistung, sondern auf das grössere Ganze: den Beitrag zum Team, zur Organisation und letztlich zum Gemeinwohl. Dafür braucht es ein Menschenbild, das auf Ressourcen statt auf Defizite fokussiert und Mitarbeitende nicht nur als Funktionsträger:innen, sondern als mitgestaltende Persönlichkeiten ernst nimmt. Das sogenannte Growth Mindset, also die Überzeugung, dass man durch Engagement und Übung dazulernen und sich weiterentwickeln kann, schafft eine solide Grundlage, Tugenden im Berufsalltag zu fördern. Wenn Mitarbeitende einer Stadt oder Gemeinde beginnen, sich regelmässig und niederschwellig konstruktives Feedback zu geben, stärkt dies nicht nur individuelle Tugenden wie Verantwortungsbewusstsein oder Integrität, sondern fördert auch eine Kultur des Vertrauens und der Mitgestaltung. Mit der Zeit wird Feedback zur Gewohnheit und man lernt, differenzierter wahrzunehmen und präziser zu formulieren, was man an Kolleg:innen schätzt – und ebenso, wo man sich ein anderes Verhalten wünschen würde. Dabei ist wichtig, auf Verallgemeinerungen zu verzichten («Du bist immer…»), Rückmeldungen konkret und situationsbezogen zu geben sowie konsequent aus der Ich-Perspektive zu sprechen. Denn wie wir eine Situation erleben und deuten, ist immer subjektiv – und genau darin liegt der Wert echten Feedbacks.
In Gemeindeverwaltungen spielen Tugenden eine besondere Rolle
Denn hier treffen Bürgernähe, gesetzlicher Auftrag, politische Erwartungen und begrenzte Ressourcen aufeinander. Tugenden wie Verlässlichkeit oder Offenheit zeigen sich in der Praxis z. B. darin, dass eine Gemeindeverwaltung auf Anfragen von Bürger:innen verlässlich, transparent und respektvoll reagiert – auch dann, wenn es keine einfache Lösung gibt. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen und hoher Erwartungen schafft ein solches Verhalten Vertrauen und signalisiert: Wir nehmen euch ernst und handeln verantwortungsvoll.
Ein tugendorientierter Ansatz beruht auf geteilter Verantwortung: Führungskräfte schaffen die Rahmenbedingungen, in dem sie ein respektvolles Miteinander sicherstellen, alle Mitarbeitenden sich offen äussern können und Fehler als Lernchancen verstehen, die nicht zu unverhältnismässigen Sanktionen führen. Gleichzeitig sind die Mitarbeitenden gefordert, aktiv zu einer wertschätzenden Zusammenarbeit beizutragen und die Bereitschaft zu haben, sich selbst zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Tugenden wie Offenheit, Demut, Freundlichkeit und Güte spielen dabei eine zentrale Rolle.
Fazit: Tugenden sind keine «weichen Faktoren» im Sinne unverbindlicher Nettigkeiten. Vielmehr bilden sie das tragfähige Fundament einer werteorientierten Verwaltungskultur — gerade dort, wo Fachkompetenz, Kommunikation und Haltung untrennbar miteinander verbunden sind.
Das Virtues Project bietet fünf konkrete Strategien als Werkzeuge, um Tugenden im Alltag umzusetzen. Facilitatoren und Tugendfreunde unterstützen andere Menschen dabei, Tugenden in ihrem Leben, in Familien, Schulen und Gemeinschaften zu kultivieren.
Damit setzt das Virtues Project eine Tradition fort, die wir auch in der antiken Philosophie wiederfinden.
Die antiken Tugendethiker verstanden Philosophie anders als heute. Heute gilt Philosophie vielen als akademische Disziplin und wirkt oft losgelöst von dem wirklichen Leben der Menschen. Das war in der Antike anders. Dort sah sich der Philosoph als Freund (philo) der Weisheit (sophos) - und zwar als Freund der Weisheit in Bezug auf das gute Leben. Viele antike Philosophieschulen waren sich einig, dass der Mensch nach "Glück" strebt. Dieses "Glück" nannten sie Eudaimonie. Die Eudaimonie wurde auch als "Wohlfluss des Lebens" beschrieben. Eine antike Philosophenschule, die eine sehr extreme Position dazu hat, ist der Stoizismus. Zenon von Kition begründete den Stoizismus um 350 v.u.Z. in Athen.
Aus Sicht der Stoiker braucht man für den Wohlfluss des Lebens nicht etwa gute Umstände, auch wenn sie förderlich sind, sondern lediglich einen vortrefflichen Charakter, der mit allen Lebenslagen gekonnt umzugehen weiß. Dieser vortreffliche Charakter ist die Tugend (aretē) des Menschen, die durch die Tugenden gebildet und ausgedrückt wird.
Alle Tugenden haben bei den Stoikern eine praktisch orientierte Konnotation und wurden daher auch als Kunstfertigkeiten gesehen. Die Stoiker kannten neben den Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung auch weitere für das gute Leben zuträgliche Tugenden, wie bspw. Taktgefühl, Gemeinsinn oder Güte. Die Übung der Tugend führt gemäß den Stoikern zur Seelenruhe (ataraxia) und zum Ideal der Leidenschaftslosigkeit (apatheia), woraus sich der heutige Begriff 'stoisch' ableitet.
Wie der Schreiner Holz bearbeitet, formt der Philosoph das gute Leben.
Die Werkzeuge für das gute Leben sind die Tugenden, mit denen wir unseren inneren Diamanten schleifen.
Für die Stoiker ist die Charakterbildung sowohl Selbstzweck als auch moralische Pflicht. Sie befähigt uns, Widrigkeiten zu trotzen und unsere Fähigkeiten zum Wohl aller einzusetzen. Meine aretē-Meetups bringen stoische Prinzipien in die Praxis des Alltags. Bei unseren Treffen arbeiten wir gemeinsam daran, moderne und klassische Tugendkonzepte für persönliche Entwicklung zu nutzen. Wir diskutieren Methoden zur Förderung innerer Ruhe, kultivieren praktische Weisheit und reflektieren über die Anwendung stoischer Denkansätze auf moderne Herausforderungen. Egal ob Neuling oder bereits mit stoischen Ideen vertraut – du bist herzlich eingeladen, an den kostenlosen Meetups teilzunehmen.
Die Essener Bodelschwinghschule ist eine bunte Schule, denn von den 265 Kindern aus über 50 Nationen haben etwa 96 % einen Migrationshintergrund. Die Vielfalt der Kulturen und der damit verbundenen Wertvorstellungen ist für die Lehrkräfte oft eine Herausforderung. Sie legen daher großen Wert auf die Umgangsformen, denn sie sind der Anker für das Leben und Lernen in dieser Schule.
Das Virtues Project / Tugendprojekt ergänzt den Anspruch der Lehrkräfte und das Vorhaben, die Schüler:innen nicht nur zu unterrichten, sondern auch die in ihnen angelegten Stärken und positiven Eigenschaften, ihre inneren Schätze – die Tugenden – hervorzuheben.
Seit September 2024 erhalten die Dritt- und Viertklässler jeweils eine Tugendstunde pro Woche. Die Kinder treffen sich klassenweise jeden Mittwoch laut Stundenplan zur „Tugendstunde“.
Ina Seidel-Rarreck, Facilitator im Virtues Project, empfängt die Kinder bereits an der Tür und erinnert alle stets an die Tugend der Freundlichkeit, die sich zum Beispiel durch Augenkontakt oder ein kleines Lächeln leicht üben lässt. So fühlen sich die Kinder gleich bei der Begrüßung wertgeschätzt, angenommen und positiv bestärkt.
Alle freuen sich meist sehr auf die Tugendstunde, die zum allergrößten Teil im Sitzkreis zusammen mit der Klassenleitung und manchmal auch anderem Erwachsenenbesuch stattfindet. In der Mitte des Stuhlkreises liegt ein großer pinkfarbener Diamant als Symbol für den Schatz, den jedes Kind in sich trägt. Um den Diamanten herum legt Ina Seidel-Rarreck jede Woche die Tugendkarten mit den bereits erlernten Tugenden.
Jede Woche wird gemeinsam eine neue Tugend erarbeitet, mit allen Sinnen erfahren und durch verschiedene Methoden kennengelernt, z.B. Spiele, Geschichten oder Rollenspiele mit Alltagssituationen.
Jeder neue Tugendbegriff hinterlässt viele Eindrücke bei den Kindern und wird schnell in den eigenen Wortschatz übernommen. Im Laufe der Woche kann dann das neue Tugendwort mit Hilfe der Lehrkräfte in allen möglichen Situationen mit Leben gefüllt und angewendet werden. Hierzu haben die Klassenlehrkräfte und Sozialarbeiter:innen der Schule an einem extra eingerichteten Online-Einführungskurs teilgenommen, bei dem sie die 5 Strategien des Virtues Projects kennengelernt und den Umgang mit ihnen geübt haben. In den zwölf Stunden haben sie sich intensiv damit beschäftigt, was es heißt, eine neue Sprache – nämlich die Tugendsprache – zu lernen, lehrreiche Momente zu erwischen und sie als Helfer zu nutzen, Grenzen zu setzen, achtsam mit sich selbst zu sein und zu reflektieren sowie anderen Menschen eine Begleitung zu schenken.
In den Klassen haben sich bereits einige Tugendbegriffe samt Bedeutung intensiv eingeprägt, z.B. das Wort „Durchhaltevermögen“: Es und wird häufig im Unterricht genutzt oder genannt. Bis zur Einführung dieser Tugend war das lange Wort „Durch-hal-te-ver-mögen“ bei vielen Kindern mit Migrationshintergrund und Förderbedarf im Bereich Deutsch ein ziemlich unbekanntes Wort. Nun wenden diese Kinder dieses Wort aktiv an den richtigen Stellen der Kommunikation an und die Lehrkräfte sind begeistert, wie sprachsensibler Unterricht auch in der Tugendstunde sehr gut platziert werden kann. Durch die vielen praktischen Übungen prägen sich die Kinder die neue Wortbedeutung /eine neue Tugend noch intensiver ein und die Tugend wird in ihnen aktiviert. So gaben die Tugendstunden zu „Vertrauen“ und „Mut“ den Kindern viel Hoffnung und Selbstvertrauen.
Nach den Tugendstunden verlassen die Kinder meist sehr beschwingt und mit Leichtigkeit den Raum und verabschieden sich bei Ina Seidel-Rarreck z.B. mit den Worten „Ich freue mich schon auf die nächste Tugendstunde mit dir“.
Autorinnen: Schulleiterin Hanne Herz-Höhnke und Ina Seidel-Rarreck
Ein Fazit zum Tugendprojekt an der Bodelschwinghschule von der Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke:
Dort, wo Kinder leben und unterrichtet werden, denen nicht nur schlechte Leistungen anhaften, sondern darüber hinaus auch noch schlechtes Benehmen, legt man besonderen Wert auf gutes Benehmen, Pünktlichkeit, Höflichkeit und Sauberkeit, auf das Einhalten und den Erwerb von Tugenden. Fehlt es dagegen an Tugenden wie Höflichkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder sportlicher Fairness, sind Konflikte vorprogrammiert und ist schlechtes Benehmen nicht weit. An der Bodelschwinghschule profitieren wir alle davon, wenn Tugenden gelebt und öfter an den Tag gelegt werden. Dies hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun, denn wenn die nächsten Generationen keine Kompetenzen für friedliche Zusammenarbeit erlernen, ist auch die Demokratie in Gefahr.
Wenn wir uns also um die Vermittlung von Tugenden in Schule und Unterricht bemühen, bemühen sich Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler um die Qualität ihres eigenen Lebens- und Arbeitsraumes.
Tugend leitet sich von dem Wort „Taugen“ ab, was auf die Nützlichkeit oder die positiven Eigenschaften eines Menschen hinweist. Diese Eigenschaften manifestieren sich in einer vorbildlichen Haltung, die als Maßstab für gutes und ethischen Verhalten in einer Gesellschaft dienen soll.
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