Selbstbewusstsein

Selbstbewusstsein bedeutet, dir deiner Stärken und Schwächen bewusst zu sein.  Du weißt, dass du ein wertvoller Mensch bist mit ganz eigenen Begabungen als Geschenk für die Welt. Eventuelle Schwächen erkennst du als Lernchance.

Du denkst für dich selbst und vertrittst mutig deine Überzeugung. Du weißt, wofür du stehst und wofür nicht. Du erwartest Respekt und respektierst die Würde anderer.

Du zeigst Selbstbewusstsein, wenn du…

  • deine eigenen Gedanken und Gefühle teilst.
  • anderen taktvoll deine Meinung sagst.
  • deine Fähigkeiten kennst und weißt, was du noch lernen kannst.
  • die Verantwortung für deine Entwicklung übernimmst.
  • klar um das bittest, was du brauchst oder möchtest.
  • jederzeit Respekt erwartest.

Ich bin mir meiner Stärken und Schwächen bewusst. 
Ich äußere meine eigenen Gedanken frei heraus. 
Ich denke für mich selbst und tue das, was ich für richtig halte. 
Ich übernehme die Verantwortung für mein Leben.

Tugenden – Unsere Kraftquellen

Tugenden – Unsere Kraftquellen

Ein Auszug aus dem Pfarrbrief der Gemeinden Sankt Cäcilia, Sankt Gallus und Heilig Kreuz, die ein Interview mit Sonja Ribbeck und Katja van Leeuwen geführt haben

Tugenden sind …

Potentiale, die wir in uns tragen.
Haltungen, die das Leben bereichern.
Kompetenzen für ein achtsames Miteinander

„Moment mal!” Diese Schlagzeile und die Definition haben mich neugierig gemacht. Es gibt also Menschen in Deutschland, die sich intensiv mit Tugenden beschäftigen?

„Der Begriff mag etwas altmodisch klingen, aber was wäre das Leben ohne Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Hilfsbereitschaft oder Zuversicht?
In der Bibel steht, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Das bedeutet, dass Gott uns eine Kraftquelle an die Hand gegeben hat, mit der wir unser Leben auf eine liebevolle Weise leben können. Jesus zeigt uns, was diese Kraftquellen sind. Er hat es uns vorgelebt, es sind die Tugenden.“ erklärt mir Sonja Ribbeck Master Facilitator aus Köln, 1. Vorsitzende des Virtues Project Germany e.V. in Deutschland. Sie erklärt mir, was es mit dem Virtues Project auf sich hat. 

„In Kanada arbeite das Pychologenehepaar Linda Kavelin Popov und Dr. Dan Popov im Bereich der Charakterbildung und des Sozialtrainings an Schulen, bei Kinder- und Jugendprogrammen sowie mit aggressiven Gewalttätern und Gefängnisinsassen. Dabei sahen sie sich mit einer steigenden Gewalt bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Sie stellten fest, dass Gewalt das Symptom ist und ein Gefühl der Sinnlosigkeit die Ursache. Während sie nach Lösungen suchten, führte ihr Mann, eine Studie durch, die sich mit den Werten und Tugenden in verschiedenen Weltreligionen beschäftigte. Im Gespräch mit Ihrem Bruder John Kavelin, gab es plötzlich bei den dreien einen AHA-Moment. Sie entdeckten, dass die Tugenden in allen Kulturen und Weltreligionen das Herzstück des Lebenssinnes sind.  (Abb. Tugendliste)

Aus dieser Zusammenarbeit wurde 1988 in Kanada das VIRTUES PROJECT gegründet. Dies ist eine weltweite Initiative, welche sich auf Basis der Tugenden und den sogenannten 5 Strategien mit Persönlichkeitsentwicklung, Potenzialentfaltung, Beziehungsgestaltung, Friedensarbeit und Wertevermittlung beschäftigt. 1994 wurde das VIRTUES PROJECT von den Vereinen Nationen als vorbildhafte Initiative für alle Kulturen ausgezeichnet.“

Das Benennen ist der Schlüssel. Das ist Beziehungspflege. Da öffnet sich ein Herz. Es bestärkt in den Qualitäten!

Wenn wir die Tugenden in uns tragen, warum funktioniert das nicht immer mit der Dankbarkeit oder Gelassenheit? Katja van Leeuwen, Facilitator des Virtues Project in Königswinter, erklärt mir die erste der 5 Strategien des Virtues Projects . Sie lautet: „Sprich die Sprache der Tugend.“ Wenn wir eine achtsame Sprache verwenden, in anderen Menschen Tugenden erkennen und diese benennen, kann sich das Beste in uns und anderen entfalten. Mit Tugenden können wir Anerkennung geben, Dank aussprechen, Prozesse begleiten oder auch korrigieren.“ Sonja Ribbeck ergänzt eine weitere Strategie: Klare Grenzen setzen. „Klarheit ist auch eine Tugend. Es geht also nicht um „Wir haben uns alle lieb“, sondern um auf Tugenden basierende Vereinbarungen. Das fördert in allen Lebensbereichen Klarheit, Sicherheit und Verantwortung und kann auch um Wohlbefinden beitragen. Werden die Grenzen nicht eingehalten, dann ist Wiederherstellung der Gerechtigkeit und des Vertrauens notwendig und die Wiedergutmachung wichtig.“

„Jesus hat den Jüngern nicht den Kopf, sondern die Füße gewaschen“

Das Virtues Project will den Einzelnen, aber auch Gruppen unterstützen, wertschätzend und bewusst miteinander umzugehen, mit Impulsen an der eigenen Charakterbildung zu arbeiten und daran zu wachsen. Facilitator des Virtues Project gehen auch in Schulen. Dort nehmen sie sich z.B. einzelne Tugenden vor und erarbeiten gemeinsam, was an dieser Tugend guttut und wie sie wirkt, auf einen selbst und auf andere und stellen die Wirkungsweise der 5 Strategien vor.

Was ist Ihre Kurzformel für ein gutes Miteinander? Sonja Ribbeck lacht auf und sagt: Man könnte es in drei Kernsätze zusammenfassen: „Ich sehe dich. Du schaffst das. Bis hierhin und nicht weiter.“

Tugenden bedeutet also das rechte Maß finden? „Ja, nehmen wir das Beispiel Ordnung und Kreativität. Beides sind Tugenden. Ich sage immer, es muss Liebe dabei sein. Also der achtsame Blick – Ordnung ohne Liebe macht kleinlich. Oder wie es meine Kollegin Ina Seidel-Rarreck, die Tugendunterricht in einer Brennpunktschule unterrichtet, einmal ausdrückte, seien Fürsorge, Mitgefühl oder Höflichkeit in allen religiösen Schriften zu finden. Dabei handle es sich um Fähigkeiten, die man gezielt einsetze. Fleißig sein bis zum Burnout sei nicht das, was ihr Unterricht vermittle: „Eine Tugend ist immer eine Charakterqualität in der ausgewogenen Mitte.““

Wie kann ich an meinen Tugenden arbeiten? „Ich möchte das gerne an einem Beispiel der Tugend „Gelassenheit“ sichtbar machen und stelle Ihnen dazu ein paar Fragen.

  1. Denken Sie an eine Situation, die für Sie eine Herausforderung war. Wie hätte sich die Situation verändert, wenn Sie hätten gelassen damit umgehen können?
  2. Woran hätte Ihr Gegenüber gemerkt, dass Sie gelassen reagieren?
  3. Wer hätte den größten Nutzen gehabt, gelassen zu bleiben und warum?
  4. Wo in Ihrem Berufsleben wünschen Sie sich mehr Gelassenheit?
  5. Wie würde sich Ihre Weltsicht mit dem Blick der Gelassenheit ändern? 
  6. Was würde sich sofort ändern?
  7.  Und woran würden Ihre Mitmenschen das als erstes merken?
  8. Was wäre das größte Geschenk für Sie?

Hier wird sehr deutlich, dass allein schon der Blick auf nur eine Tugend, für Veränderung in meinem Denken und Handeln führen kann und das Miteinander zum Positiven wendet. 

Jesus hat in seinem Leben unzählige Beispiele gegeben. Er hat uns gezeigt was es bedeutet Mitgefühl, Vertrauen, Glauben und Liebe zu leben. Wie schön, dass genau diese Tugenden alle Menschen vereinen. Auf dieser Basis ist ein friedliches Zusammenleben, welches auf Respekt aufgebaut ist, möglich.

Ich lade Sie ein, sich die ein und andere Tugend anzusehen und zu überlegen, wie und wo diese für Sie einen Mehrwert bringen könnte oder wie sich eine Situation verändern kann, wenn Sie diese Tugend leben.“

Herzlichen Dank für die bereichernden und wertschätzenden Gespräche an Katja van Leeuwen und Sonja Ribbeck.

– Dorothee Wendt

Die Lösung des Kreuzworträtsels ist im Pfarrbrief auf Seite 15 zu finden.
Tugenden stärken: Warum Wertearbeit Städte und Gemeinden erfolgreicher macht

Tugenden stärken: Warum Wertearbeit Städte und Gemeinden erfolgreicher macht

Shiva Stucki-Sabeti, Internetauftritt der Hochschule Luzern (Abruf 04.07.2025)

Tugenden wie Verlässlichkeit, Empathie und Integrität sind zentrale Ressourcen für Vertrauen, Zusammenarbeit und Gemeinwohl. Dieser Beitrag zeigt, wie Mitarbeitende und Führungskräfte Tugenden gezielt fördern können — auch mit knappen Ressourcen.

«Betrachte den Menschen als ein Bergwerk reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert.» Dieser Gedanke erinnert uns daran: Jeder Mensch verfügt über positive innere Eigenschaften – Tugenden wie Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Integrität oder Geduld. In der Arbeitswelt werden solche Qualitäten selten explizit thematisiert, obwohl sie erheblich zu Motivation, Zusammenarbeit und Leistungsfähigkeit beitragen können.

Tugenden sind keine fixen Eigenschaften, sondern Potenziale, die entwickelt werden können – vergleichbar mit Kompetenzen. Tugenden richten sich jedoch nicht primär auf individuelle Leistung, sondern auf das grössere Ganze: den Beitrag zum Team, zur Organisation und letztlich zum Gemeinwohl. Dafür braucht es ein Menschenbild, das auf Ressourcen statt auf Defizite fokussiert und Mitarbeitende nicht nur als Funktionsträger:innen, sondern als mitgestaltende Persönlichkeiten ernst nimmt. Das sogenannte Growth Mindset, also die Überzeugung, dass man durch Engagement und Übung dazulernen und sich weiterentwickeln kann, schafft eine solide Grundlage, Tugenden im Berufsalltag zu fördern. Wenn Mitarbeitende einer Stadt oder Gemeinde beginnen, sich regelmässig und niederschwellig konstruktives Feedback zu geben, stärkt dies nicht nur individuelle Tugenden wie Verantwortungsbewusstsein oder Integrität, sondern fördert auch eine Kultur des Vertrauens und der Mitgestaltung. Mit der Zeit wird Feedback zur Gewohnheit und man lernt, differenzierter wahrzunehmen und präziser zu formulieren, was man an Kolleg:innen schätzt – und ebenso, wo man sich ein anderes Verhalten wünschen würde. Dabei ist wichtig, auf Verallgemeinerungen zu verzichten («Du bist immer…»), Rückmeldungen konkret und situationsbezogen zu geben sowie konsequent aus der Ich-Perspektive zu sprechen. Denn wie wir eine Situation erleben und deuten, ist immer subjektiv – und genau darin liegt der Wert echten Feedbacks. 

In Gemeindeverwaltungen spielen Tugenden eine besondere Rolle

Denn hier treffen Bürgernähe, gesetzlicher Auftrag, politische Erwartungen und begrenzte Ressourcen aufeinander. Tugenden wie Verlässlichkeit oder Offenheit zeigen sich in der Praxis z. B. darin, dass eine Gemeindeverwaltung auf Anfragen von Bürger:innen verlässlich, transparent und respektvoll reagiert – auch dann, wenn es keine einfache Lösung gibt. Gerade in Zeiten knapper Ressourcen und hoher Erwartungen schafft ein solches Verhalten Vertrauen und signalisiert: Wir nehmen euch ernst und handeln verantwortungsvoll.

Ein tugendorientierter Ansatz beruht auf geteilter Verantwortung: Führungskräfte schaffen die Rahmenbedingungen, in dem sie ein respektvolles Miteinander sicherstellen, alle Mitarbeitenden sich offen äussern können und Fehler als Lernchancen verstehen, die nicht zu unverhältnismässigen Sanktionen führen. Gleichzeitig sind die Mitarbeitenden gefordert, aktiv zu einer wertschätzenden Zusammenarbeit beizutragen und die Bereitschaft zu haben, sich selbst zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Tugenden wie Offenheit, Demut, Freundlichkeit und Güte spielen dabei eine zentrale Rolle.

Fazit: Tugenden sind keine «weichen Faktoren» im Sinne unverbindlicher Nettigkeiten. Vielmehr bilden sie das tragfähige Fundament einer werteorientierten Verwaltungskultur — gerade dort, wo Fachkompetenz, Kommunikation und Haltung untrennbar miteinander verbunden sind.

Aufrichtigkeit

Aufrichtigkeit bedeutet, in Wort und Tat ehrlich und authentisch zu sein. Du bleibst bei der Wahrheit, auch wenn es dir schadet.

Du nimmst Abstand von Geläster und Vorurteilen und suchst stattdessen selbst nach der Wahrheit. Aufrichtig zu sein bedeutet, dich so zu akzeptieren, wie du bist, ohne andere beeindrucken zu wollen.

Sei du selbst, dein wahres und echtes Selbst.

Du zeigst Aufrichtigkeit, wenn du:

  • ausschließlich die Wahrheit sagst.
  • selbst entscheidest, was du denkst.
  • für dich die Wahrheit herausfindest.
  • den Unterschied zwischen Schein und Sein kennst.
  • zugibst, wenn du einen Fehler gemacht hast.
  • erkennst, dass du wertvoll bist, so wie du bist, ohne zu übertreiben.

Ich bin aufrichtig.
Ich sage die Wahrheit.
Ich sehe die Wahrheit mit meinen eigenen Augen.
Ich bin froh, mein wahres Ich zu sein.

Tugenden – Auf Spurensuche zu den Anfängen

Tugenden – Auf Spurensuche zu den Anfängen

Online-Treffen zur antiken Tugendethik

Das Virtues Project bietet fünf konkrete Strategien als Werkzeuge, um Tugenden im Alltag umzusetzen. Facilitatoren und Tugendfreunde unterstützen andere Menschen dabei, Tugenden in ihrem Leben, in Familien, Schulen und Gemeinschaften zu kultivieren.

Damit setzt das Virtues Project eine Tradition fort, die wir auch in der antiken Philosophie wiederfinden.

Die antiken Tugendethiker verstanden Philosophie anders als heute. Heute gilt Philosophie vielen als akademische Disziplin und wirkt oft losgelöst von dem wirklichen Leben der Menschen. Das war in der Antike anders. Dort sah sich der Philosoph als Freund (philo) der Weisheit (sophos) – und zwar als Freund der Weisheit in Bezug auf das gute Leben. Viele antike Philosophieschulen waren sich einig, dass der Mensch nach “Glück” strebt. Dieses “Glück” nannten sie Eudaimonie. Die Eudaimonie wurde auch als “Wohlfluss des Lebens” beschrieben. Eine antike Philosophenschule, die eine sehr extreme Position dazu hat, ist der Stoizismus. Zenon von Kition begründete den Stoizismus um 350 v.u.Z. in Athen.

Aus Sicht der Stoiker braucht man für den Wohlfluss des Lebens nicht etwa gute Umstände, auch wenn sie förderlich sind, sondern lediglich einen vortrefflichen Charakter, der mit allen Lebenslagen gekonnt umzugehen weiß. Dieser vortreffliche Charakter ist die Tugend (aretē) des Menschen, die durch die Tugenden gebildet und ausgedrückt wird.

Alle Tugenden haben bei den Stoikern eine praktisch orientierte Konnotation und wurden daher auch als Kunstfertigkeiten gesehen. Die Stoiker kannten neben den Kardinaltugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung auch weitere für das gute Leben zuträgliche Tugenden, wie bspw. Taktgefühl, Gemeinsinn oder Güte. Die Übung der Tugend führt gemäß den Stoikern zur Seelenruhe (ataraxia) und zum Ideal der Leidenschaftslosigkeit (apatheia), woraus sich der heutige Begriff ‘stoisch’ ableitet.

Wie der Schreiner Holz bearbeitet, formt der Philosoph das gute Leben.

Die Werkzeuge für das gute Leben sind die Tugenden, mit denen wir unseren inneren Diamanten schleifen.

Für die Stoiker ist die Charakterbildung sowohl Selbstzweck als auch moralische Pflicht. Sie befähigt uns, Widrigkeiten zu trotzen und unsere Fähigkeiten zum Wohl aller einzusetzen. Meine aretē-Meetups bringen stoische Prinzipien in die Praxis des Alltags. Bei unseren Treffen arbeiten wir gemeinsam daran, moderne und klassische Tugendkonzepte für persönliche Entwicklung zu nutzen. Wir diskutieren Methoden zur Förderung innerer Ruhe, kultivieren praktische Weisheit und reflektieren über die Anwendung stoischer Denkansätze auf moderne Herausforderungen. Egal ob Neuling oder bereits mit stoischen Ideen vertraut – du bist herzlich eingeladen, an den kostenlosen Meetups teilzunehmen.

Ein Beitrag von Ralph Kurz