Empathie oder Einfühlungsvermögen bedeutet, sich in die Lage eines anderen Menschen zu versetzen, und zu versuchen, die Gedanken und Gefühle zu verstehen. Du versuchst zu begreifen, was im anderen vorgeht. Mit Empathie denkst du darüber nach, welchen Einfluss deine Worte und Taten auf andere haben. Empathie hilft gegen Vorurteile und macht milde. Empathie verbindet unsere Herzen.
Du zeigst Empathie, wenn du...
versuchst, andere zu verstehen.
über die Wirkung deiner Worte und Handlungen nachdenkst.
milde bleibst, ohne Vorurteil oder Kritik.
dich mit anderen Menschen verbunden fühlst.
an andere und dich selbst denkst.
Ich zeige Einfühlungsvermögen. Ich nehme Rücksicht auf andere. Ich fühle mich mit anderen verbunden. Ich bin großzügig und altruistisch.
Entscheidungsfreude bedeutet, dass du Stellung beziehst, um klare Entscheidungen treffen und umsetzen zu können. Sie verlangt von dir Mut und Weitblick. Manchmal musst du Entscheidungen sofort treffen, um das Richtige zur rechten Zeit zu tun. Manchmal brauchst du Geduld und folgst einem Erkenntnisprozess. Reine Absichten und Offenheit führen dich dann zu einem Ergebnis, dem du vertrauen kannst und dass du zuversichtlich umsetzt.
Du zeigst Entscheidungsfreude, wenn du...
klar Stellung für etwas beziehst.
deinem inneren Wissen folgst, ob du jetzt handelst oder Geduld brauchst.
offen und mit reinen Absichten die Entscheidungsmöglichkeiten abwägst.
Weitblick und Reflektion nutzt, um zuversichtlich Entscheidungen umzusetzen.
Ich bin mir meiner inneren Kraft bewusst. Ich habe den Mut, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Ich nehme mir die Zeit, den bestmöglichen Weg zu erkennen. Ich vertraue darauf, was meiner inneren Wahrheit entspricht. Ich behandle alle Menschen mit Würde und Respekt.
Schönheit bedeutet, durch Achtsamkeit und Staunen die Schöpfung wahrzunehmen. Dabei öffnest du dich in Demut allen Prozessen in der Natur und allem, was sich deinen Sinnen zeigt. So entsteht eine Verbindung und eine Wertschäzung für das, was ist. Wenn du die Tugenden lebst, bringst du deine innere Schönheit nach außen. Mögest du die Schönheit eines jeden Lebewesens erkennen.
Du zeigst Schönheit, wenn du...
deine Tugenden lebst und zum Ausdruck bringst.
dir ein schönes Umfeld gestaltest.
die Wunder des Lebens wahrnimmst. deine Sinne schulst.
Ich erkenne meine und deine Schönheit. Ich sehe das Gute in mir und dir. Ich bin dankbar für die Fähigkeit, das Schöne in allem zu sehen.
Ehrerbietung bedeutet, dass du dir bewusst bist, dass wir alleTeil eines größeren Ganzen sind. Du weißt, dass alles Leben wertvoll ist. Du nimmst dir Zeit, über den tieferen Sinn des Lebens nachzudenken. Du nutzt die Natur als Kraftquelle deiner Seele. Du bist offen für die Wunder des Lebens. Weil du alles Leben schätzt, gehst du sorgsam mit der Erde um.
Du zeigst Ehrerbietung, wenn du...
im Bewusstsein lebst, dass wir alle Teil eines großen Ganzen sind.
täglich über den tieferen Sinn des Lebens nachdenkst.
weißt, dass alles Leben wertvoll ist.
deine Seele für die Wunder des Lebens öffnest.
über die Bedeutung deiner Erfahrungen reflektierst.
die Schönheit und die Natur als Nahrung deiner Seele nutzt.
Ich bin Teil eines größeren Ganzen. Ich respektiere den Wert allen Lebens. Ich bin offen für die Wunder des Lebens. Ich nehme mir jeden Tag Zeit für den Sinn des Lebens.
Ina Seidel-Rarreck vermittelt Kindern Tugenden wie Geduld und Toleranz. Was auf den ersten Blick altmodisch klingt, nehmen Schülerinnen und Schüler begeistert auf.
Eine Minute kann fürchterlich lang sein. Mäuschenstill ist es in der vierten Klasse der Bodelschwinghschule im Essener Stadtteil Altendorf, als die Schülerinnen und Schüler schätzen sollen, wie lang eine Minute dauert. Manche schließen die Augen, einige Kinder zählen stumm die Sekunden. Alina meldet sich als Erste. „Jetzt!“, ruft sie in den Raum, und Ina Seidel-Rarreck klatscht begeistert in die Hände. „Da habt ihr aber geduldig abgewartet und die Minute sehr gut geschätzt. Letztes Mal hat sich der erste Schüler schon nach 35 Sekunden gemeldet, weil er dachte, die Minute sei um“, sagt sie.
„Geduld“ ist die Charaktereigenschaft, die Seidel-Rarreck den Schülerinnen und Schülern heute ans Herz legen möchte. Die freiberufliche Trainerin vermittelt Schulklassen im Ruhrgebiet spielerisch Werte und Tugenden. „Das sind Schätze, die wir in uns tragen und die wir pflegen und polieren müssen, um sie zum Glänzen zu bringen“, erklärt sie.
Trainerin Ina Seidel-Rarreck (links) und Hannelore Herz-Höhnke. „Eigentlich müssten ‚Tugenden‘ ein Schulfach sein – und zwar nicht nur an Schulen im Brennpunkt“, findet die Schulleiterin.In der Bodelschwinghschule in Essen setzt man auf das Werte- und Tugendtraining, das laut Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke unbedingt fortgeführt werden soll.
„Die Werte sind in allen Nationen ähnlich“
An der Bodelschwinghschule sind Kinder aus 50 Nationen vereint, 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund. „Die Werte sind in allen Nationen ähnlich“, betont Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke. Allerdings hätten Eltern grundsätzlich immer häufiger wenig Zeit oder auch Interesse, ihren Kindern soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit, Ordnung oder Höflichkeit näherzubringen. Als sie von Ina Seidel-Rarreck und ihrem Angebot hörte, war Herz-Höhnke deshalb sofort begeistert.
Eine Sponsorin spendete 2024 eine größere Summe, seitdem steht in den dritten und vierten Klassen mittwochs „Tugendtraining“ auf dem Stundenplan. Anhand von Beispielen, in Gesprächen und Rollenspielen lernen die Kinder eine Schulstunde lang eine positive Charaktereigenschaft kennen. Worte wie Ausdauer, Rücksicht oder Gerechtigkeit, die sonst nicht unbedingt zum Wortschatz von Grundschülerinnen und Grundschülern gehören, gehen den Mädchen und Jungen inzwischen ganz selbstverständlich über die Lippen. Die Hoffnung, die hinter dem Training steckt: Wer weiß, was etwa Friedlichkeit, Rücksichtnahme oder Selbstständigkeit bedeuten, verhält sich auch eher entsprechend.
Die positiven Effekte des Trainings sind allgegenwärtig. In den Klassenzimmern und auf den Fluren höre Herz-Höhnke, wie sich die Sprache der Kinder zum Positiven gewandelt habe.In der Mitte ein funkelnder Stein – darum herum verschiedene Werte und Eigenschaften auf Karten. Ein Mitmachbaustein des Werte- und Tugendtrainings von Ina Seidel-Rarreck.
Verstaubter Begriff – zukunftsweisende Skills
Bevor es an der Bodelschwinghschule mit dem Training losging, musste zunächst das Kollegium überzeugt und geschult werden. Einige Lehrkräfte seien in ihrer Fortbildung über den Begriff „Tugend“ gestolpert, gibt Seidel-Rarreck zu. Altmodisch und verstaubt wirkt das Wort auf manche Menschen, die es mit Pflicht und Disziplin verbinden. Ihnen erklärt die Trainerin, was sie darunter versteht: Stärken und Zukunftskompetenzen. Sie möchte vermitteln, das Gute in sich selbst und in anderen zu sehen. Den eigenen Charakter positiv zu formen, meint sie, könne man genauso trainieren wie Muskeln. Gelernt hat sie ihre Überzeugungen beim 1988 in Kanada gegründeten Virtues Project, das Tugenden als Grundlage für ein gelingendes (Zusammen-)Leben sieht.
An diesem Mittwoch im Herbst sitzt die vierte Klasse im Stuhlkreis um einen riesigen, glänzenden Diamanten herum, den Seidel-Rarreck auf ein dunkles Seidentuch gelegt hat. Ringsherum drapiert sie Karten. „Durchhaltevermögen“ steht darauf, „Hilfsbereitschaft“ oder „Behutsamkeit“. „Der Diamant steht als Symbol für alle Tugenden, die wir in uns tragen“, erläutert Seidel-Rarreck. Doch das wissen die Kinder längst, schließlich haben sie im vergangenen Schuljahr schon zahlreiche positive Begriffe gelernt. „Ordentlichkeit bedeutet, dass ich ein Spielzeug wieder auf seinen Platz lege“, erklärt Lina. „Mit Humor bringe ich Menschen zum Lachen“, meint Ömer. „Wenn ich Angst habe und mich überwinde, dann ist das mutig“, sagt Layla. Und Alicia veranschaulicht, was Kreativität heißt: „Man hat selbst etwas im Kopf und macht nicht nur das, was andere machen.“ Am Ende der Stunde überreicht Seidel-Rarreck jedem Kind einen gläsernen Edelstein – damit es sich immer daran erinnert, wie viele Stärken in ihm schlummern.
„DER DIAMANT STEHT ALS SYMBOL FÜR ALLE TUGENDEN, DIE WIR IN UNS TRAGEN.“ (Ina Seidel-Rarreck, Wertetrainerin)
Wertevermittlung als Teil des Schulalltags
Für Schulleiterin Herz-Höhnke ist das Tugendtraining ein voller Erfolg. In den Klassenzimmern und auf den Fluren hört sie, wie sich die Sprache der Kinder zum Positiven gewandelt hat. Nach den Sommerferien wollten viele von ihnen wissen, wann es mit dem Training weitergehe. „Die Kinder nehmen aus diesen Stunden ganz viel mit“, sagt sie, schließlich sei von Deutsch über Ethik bis Sport auch viel Gutes darin enthalten. Eigentlich, findet die Schulleiterin, müssten „Tugenden“ ein Schulfach sein – und zwar nicht nur an Schulen im Brennpunkt.
Fortführen möchte sie das Projekt unbedingt, notfalls als AG im offenen Ganztag. Nachhaltig wirke das Konzept aber nur, wenn es im Alltag gelebt werde. Deshalb hängt im Flur vor dem Sekretariat auch eine Tafel mit der „Tugend der Woche“. Heute steht darauf: „Toleranz“.
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