Tugenden – Unsere Kraftquellen

Ein Auszug aus dem Pfarrbrief der Gemeinden Sankt Cäcilia, Sankt Gallus und Heilig Kreuz, die ein Interview mit Sonja Ribbeck und Katja van Leeuwen geführt haben

Tugenden sind …

Potentiale, die wir in uns tragen.
Haltungen, die das Leben bereichern.
Kompetenzen für ein achtsames Miteinander

„Moment mal!“ Diese Schlagzeile und die Definition haben mich neugierig gemacht. Es gibt also Menschen in Deutschland, die sich intensiv mit Tugenden beschäftigen?

„Der Begriff mag etwas altmodisch klingen, aber was wäre das Leben ohne Liebe, Hoffnung, Vertrauen, Hilfsbereitschaft oder Zuversicht?
In der Bibel steht, dass Gott uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Das bedeutet, dass Gott uns eine Kraftquelle an die Hand gegeben hat, mit der wir unser Leben auf eine liebevolle Weise leben können. Jesus zeigt uns, was diese Kraftquellen sind. Er hat es uns vorgelebt, es sind die Tugenden.“ erklärt mir Sonja Ribbeck Master Facilitator aus Köln, 1. Vorsitzende des Virtues Project Germany e.V. in Deutschland. Sie erklärt mir, was es mit dem Virtues Project auf sich hat. 

„In Kanada arbeite das Pychologenehepaar Linda Kavelin Popov und Dr. Dan Popov im Bereich der Charakterbildung und des Sozialtrainings an Schulen, bei Kinder- und Jugendprogrammen sowie mit aggressiven Gewalttätern und Gefängnisinsassen. Dabei sahen sie sich mit einer steigenden Gewalt bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Sie stellten fest, dass Gewalt das Symptom ist und ein Gefühl der Sinnlosigkeit die Ursache. Während sie nach Lösungen suchten, führte ihr Mann, eine Studie durch, die sich mit den Werten und Tugenden in verschiedenen Weltreligionen beschäftigte. Im Gespräch mit Ihrem Bruder John Kavelin, gab es plötzlich bei den dreien einen AHA-Moment. Sie entdeckten, dass die Tugenden in allen Kulturen und Weltreligionen das Herzstück des Lebenssinnes sind.  (Abb. Tugendliste)

Aus dieser Zusammenarbeit wurde 1988 in Kanada das VIRTUES PROJECT gegründet. Dies ist eine weltweite Initiative, welche sich auf Basis der Tugenden und den sogenannten 5 Strategien mit Persönlichkeitsentwicklung, Potenzialentfaltung, Beziehungsgestaltung, Friedensarbeit und Wertevermittlung beschäftigt. 1994 wurde das VIRTUES PROJECT von den Vereinen Nationen als vorbildhafte Initiative für alle Kulturen ausgezeichnet.“

Das Benennen ist der Schlüssel. Das ist Beziehungspflege. Da öffnet sich ein Herz. Es bestärkt in den Qualitäten!

Wenn wir die Tugenden in uns tragen, warum funktioniert das nicht immer mit der Dankbarkeit oder Gelassenheit? Katja van Leeuwen, Facilitator des Virtues Project in Königswinter, erklärt mir die erste der 5 Strategien des Virtues Projects . Sie lautet: „Sprich die Sprache der Tugend.“ Wenn wir eine achtsame Sprache verwenden, in anderen Menschen Tugenden erkennen und diese benennen, kann sich das Beste in uns und anderen entfalten. Mit Tugenden können wir Anerkennung geben, Dank aussprechen, Prozesse begleiten oder auch korrigieren.“ Sonja Ribbeck ergänzt eine weitere Strategie: Klare Grenzen setzen. „Klarheit ist auch eine Tugend. Es geht also nicht um „Wir haben uns alle lieb“, sondern um auf Tugenden basierende Vereinbarungen. Das fördert in allen Lebensbereichen Klarheit, Sicherheit und Verantwortung und kann auch um Wohlbefinden beitragen. Werden die Grenzen nicht eingehalten, dann ist Wiederherstellung der Gerechtigkeit und des Vertrauens notwendig und die Wiedergutmachung wichtig.“

„Jesus hat den Jüngern nicht den Kopf, sondern die Füße gewaschen“

Das Virtues Project will den Einzelnen, aber auch Gruppen unterstützen, wertschätzend und bewusst miteinander umzugehen, mit Impulsen an der eigenen Charakterbildung zu arbeiten und daran zu wachsen. Facilitator des Virtues Project gehen auch in Schulen. Dort nehmen sie sich z.B. einzelne Tugenden vor und erarbeiten gemeinsam, was an dieser Tugend guttut und wie sie wirkt, auf einen selbst und auf andere und stellen die Wirkungsweise der 5 Strategien vor.

Was ist Ihre Kurzformel für ein gutes Miteinander? Sonja Ribbeck lacht auf und sagt: Man könnte es in drei Kernsätze zusammenfassen: „Ich sehe dich. Du schaffst das. Bis hierhin und nicht weiter.“

Tugenden bedeutet also das rechte Maß finden? „Ja, nehmen wir das Beispiel Ordnung und Kreativität. Beides sind Tugenden. Ich sage immer, es muss Liebe dabei sein. Also der achtsame Blick – Ordnung ohne Liebe macht kleinlich. Oder wie es meine Kollegin Ina Seidel-Rarreck, die Tugendunterricht in einer Brennpunktschule unterrichtet, einmal ausdrückte, seien Fürsorge, Mitgefühl oder Höflichkeit in allen religiösen Schriften zu finden. Dabei handle es sich um Fähigkeiten, die man gezielt einsetze. Fleißig sein bis zum Burnout sei nicht das, was ihr Unterricht vermittle: „Eine Tugend ist immer eine Charakterqualität in der ausgewogenen Mitte.““

Wie kann ich an meinen Tugenden arbeiten? „Ich möchte das gerne an einem Beispiel der Tugend „Gelassenheit“ sichtbar machen und stelle Ihnen dazu ein paar Fragen.

  1. Denken Sie an eine Situation, die für Sie eine Herausforderung war. Wie hätte sich die Situation verändert, wenn Sie hätten gelassen damit umgehen können?
  2. Woran hätte Ihr Gegenüber gemerkt, dass Sie gelassen reagieren?
  3. Wer hätte den größten Nutzen gehabt, gelassen zu bleiben und warum?
  4. Wo in Ihrem Berufsleben wünschen Sie sich mehr Gelassenheit?
  5. Wie würde sich Ihre Weltsicht mit dem Blick der Gelassenheit ändern? 
  6. Was würde sich sofort ändern?
  7.  Und woran würden Ihre Mitmenschen das als erstes merken?
  8. Was wäre das größte Geschenk für Sie?

Hier wird sehr deutlich, dass allein schon der Blick auf nur eine Tugend, für Veränderung in meinem Denken und Handeln führen kann und das Miteinander zum Positiven wendet. 

Jesus hat in seinem Leben unzählige Beispiele gegeben. Er hat uns gezeigt was es bedeutet Mitgefühl, Vertrauen, Glauben und Liebe zu leben. Wie schön, dass genau diese Tugenden alle Menschen vereinen. Auf dieser Basis ist ein friedliches Zusammenleben, welches auf Respekt aufgebaut ist, möglich.

Ich lade Sie ein, sich die ein und andere Tugend anzusehen und zu überlegen, wie und wo diese für Sie einen Mehrwert bringen könnte oder wie sich eine Situation verändern kann, wenn Sie diese Tugend leben.“

Herzlichen Dank für die bereichernden und wertschätzenden Gespräche an Katja van Leeuwen und Sonja Ribbeck.

– Dorothee Wendt

Die Lösung des Kreuzworträtsels ist im Pfarrbrief auf Seite 15 zu finden.

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