WDR 5 Das philosophische Radio (Beitrag vom 13.11.2023)
Die Wissenschaft hat eine klare Forderung: Wir müssen unser Verhalten grundlegend ändern, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen. Die Umsetzung dieser Forderung scheint allerdings schwierig bis unmöglich. Die Tugendethik könnte helfen, sagen die Philosophin Corine Pelluchon. Studiogast: Corine Pelluchon; Moderation: Jürgen Wiebicke
Ein Verein bietet in einem Brennpunktviertel Unterricht mit Fokus auf Ethik und Werte an.
Gelsenkirchen. „Wo ist dir heute Fürsorglichkeit begegnet?“, fragt Ina Seidel-Rarreck vom Verein „Virtues Project“ einen Schüler. Der ist sich unsicher, ihm falle nichts ein, meint er. Seidel-Rarreck fragt weiter: „Haben deine Eltern dir heute Frühstück gemacht?“ Der Schüler schüttelt den Kopf, das mache er sich immer selber. „Dann hast du dir heute selbst Fürsorge gezeigt“, lobt Seidel-Rarreck ihn.
Die Malteserschule liegt in Gelsenkirchen-Neustadt, einem Brennpunktviertel. Für die Schüler steht heute nicht Mathematik auf dem Stundenplan, sondern „Tugendunterricht“. Ursprünglich stammt das Projekt aus Kanada und wurde von zwei Psychologen in den 1980er Jahren entwickelt. Auch in Deutschland haben sich Trainer zusammengeschlossen, der Verein bietet inzwischen Online-Coachings und Seminare für Lehrer an. „Tugenden als Begriff sind nicht geschützt“, erklärt Seidel-Rarreck. Fürsorge, Mitgefühl oder Höflichkeit seien aber in allen religiösen Schriften zu finden. Dazu handle es sich um Fähigkeiten, die man gezielt einsetze. Fleißig sein bis zum Burnout sei nicht das, was ihr Unterricht vermittle: „Eine Tugend ist immer eine Charakterqualität in der ausgewogenen Mitte.“
Kultur der Wertschätzung
Seidel-Rarreck sieht die Arbeit ihres Vereins als Antwort auf die Bildungsfrage, von einer Kultur der Fehlersuche zu einer Kultur der Wertschätzung gegenseitiger Qualitäten zu kommen und Kinder nicht nur in Mathematik und Deutsch, sondern auch ethisch-moralisch zu erziehen. „Mit einem Tag im Klettergarten ist es nicht ge- tan.“ Mit einfachem Lob wie „Klasse gemacht“, würden die Schüler ihre eigenen Qualitäten und Fähigkeiten gar nicht erkennen. Stattdessen sollten Lehrer Tugenden wie Geduld, Fleiß oder Mitgefühl hervorheben. „Das sind Vokabeln, die muss ich als Lehrer kennen.“
Um die Tugend Höflichkeit zu trainieren, führt Seidel-Rarreck ein Begrüßungsritual mit den Schülern durch: Sie steht an der Tür zur Klasse und heißt jede Schülerin und jeden Schüler einzeln willkommen. Dabei sollen sie üben, Augenkontakt herzustellen. Manche von ihnen treten selbstsicher vor Seidel-Rarreck, andere hasten peinlich berührt an ihr vorbei.
Durch die Übung soll die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler verbessert werden. So können Lehrer direkt zu Schulbeginn sehen, wenn es einem Schüler nicht gut geht. „Wenn die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler gut ist, kann man super lernen“, argumen- tiert Seidel-Rarreck. Lehrer nähmen immer auch eine Vorbildfunktion für die Kinder ein. Zwar seien die Lehrer der Malteserschule erst skeptisch gewesen, das Programm komme inzwischen aber gut an. Mittlerweile forderten die Schüler Höflichkeit sogar ein.
Um die Geduld der Schüler zu trainieren, hat Seidel-Rarreck eine weitere Übung mitgebracht: Die Uhr im Klassenzimmer wird abgehangen, die Schüler sollen schätzen, wann eine Minute vergangen ist. Jeremi schließt die Augen, zählt konzentriert die Sekunden. Die Schüler kennen die Übung schon, nach 55 Sekunden ruft der erste von ihnen: „Stop!“ Das sei ein relativ gutes Ergebnis, meint Seidel-Rarreck, denn viele Schüler würden beim ersten Versuch oft nur 40 Sekunden durchhalten.
Aus ihrer Sicht ist es gerade bei Kindern wichtig, Tugenden zu fördern und auszubilden. Auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok würden sie auf teils verstörende Videos stoßen, die sie ungefiltert wahrnähmen und weiterschickten. „Es ist eine Verrohung bei den Kindern zu beobachten“, kritisiert sie, es mangele an ethisch-moralischer Werteerziehung für die Kinder.
Wichtig für die berufliche Zukunft
Gerade für die Zukunft der Schüler im Beruf sei der Unterricht enorm wertvoll, denn da komme es nicht auf eine Eins oder Vier auf dem Zeugnis, sondern auf zwischenmenschliche Fähigkeiten an. Dort brauche man Tugenden wie Pünktlichkeit, Vertrauen oder Zuverlässigkeit. Bei den Schülern kommt der Unterrichtu gut an: Nach der Stunde spricht einer von ihnen Seidel-Rarreck auf dem Gang an: „Hat Spaß gemacht heute!“
Die unter dem Dach der Bremer Landesinstitutes für Schulen gegründete „digitale Drehtür“ bietet seit April unter Leitung von Ina Seidel-Rarreck (Facilitator im Virtues Project) ein Mal wöchentlich Impulse zur Charakterentwicklung von Schülern und Schülerinnen von der 4. bis zur 7. Klasse an.
Das Hauptziel der Digitalen Drehtür besteht darin, Schülern die Möglichkeit zu geben, ihre Potenziale und Begabungen zu entdecken und zu entfalten. Der Fokus liegt auf dem interessengeleiteten Lernen zur Entwicklung von Future-Skills. Hierbei werden zeitgemäße Themen behandelt und kreative Methoden eingesetzt.
Ein zentrales Element in der pädagogischen Arbeit der Kursleiter:innen ist die Gestaltung von persönlichen Beziehungen im digitalen Raum durch das Prinzip der "Personenorientierung". In Absprache mit den Lehrkräften können die Schüler:innen während der Unterrichtszeit Lernkurse besuchen. Ab dem 1. April 2023 nehmen sie an inspirierenden Live-Kursen, fachlichen und überfachlichen Selbstlernkursen, Methodenkursen oder Projekten ihrer Wahl teil. Die Schüler:innen haben die Möglichkeit, ihren individuellen Lernweg entweder basierend auf bereits bestehenden Interessen oder Talenten zu gestalten oder neue Themen im breitgefächerten Angebot der Digitalen Drehtür zu entdecken. Die genauen Details zu den Inhalten, Abläufen und technischen Aspekten des Programms können auf der Internetseite der Digitalen Drehtür nachgelesen werden.
Es ist wunderbar zu hören, dass die wöchentlichen Treffen der Digitalen Drehtür solch positive Reaktionen bei den Kindern hervorrufen. Es scheint, als ob das Konzept der Tugendbrille den Schülern ermöglicht hat, bestimmte Charaktereigenschaften und Tugenden in ihren Eltern zu erkennen und zu schätzen.
Es ist besonders ermutigend zu erfahren, dass der Schüler, der seinen Vater als mutig beschrieben hat, durch die Betrachtung seiner Taten als Feuerwehrmann eine neue Perspektive auf den Mut seines Vaters gewonnen hat. Solche Erfahrungen können das Verständnis und die Wertschätzung innerhalb der Familien stärken.
Es ist auch interessant zu sehen, wie die Kinder durch die Tugendportraits für ihre Mütter erkennen, welche Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Liebe, Verständnis, Fürsorglichkeit und Großzügigkeit in ihrer Mutter zum Ausdruck kommen. Die Verwendung der Tugendbrille ermöglicht es den Kindern, diese abstrakten Begriffe greifbarer und verständlicher zu machen.
Das positive Feedback der Kinder, von Begeisterung bis zur Bitte nach mehr Zeit, zeigt, dass sie Spaß und Freude an den Unterrichtsstunden haben. Die Tatsache, dass die Unterrichtsreihe im Herbst verlängert wird, ist ein Zeichen dafür, dass das Programm erfolgreich ist und hoffentlich noch mehr Kinder dazu ermutigen wird, ihre eigenen Charakterhelden zu werden.
Solche Programme, die die Charakterentwicklung fördern, können einen bedeutenden Einfluss auf das Selbstbewusstsein, die Empathie und das moralische Denken der Schüler haben. Es ist ermutigend zu sehen, wie die Digitale Drehtür diese positiven Effekte bei den Kindern erzielt.
Im Herbst geht die Unterrichtsreihe bei der digitalen Drehtür in die Verlängerung und schafft es hoffentlich wieder noch mehr Kinder zu Charakterhelden werden zu lassen
Glück und Schule gehören zusammen! Davon sind wir überzeugt. Wie können Schulen besser auf ein erfülltes Leben vorbereiten? Und wie können Schulen glücklichere Orte für SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern werden? Eine Gesprächsgruppe bei Action for Happiness beschäftigt sich mit diesen Fragen.
Die Welt jeden Tag ein bisschen besser machen – nur ein Traum oder wirklich ganz konkret auch in der Schule machbar? Erfahre, warum das Stärken positiver Persönlichkeitsmerkmale gerade jetzt wichtig ist: In Schule, Familie und im Zusammenleben allgemein. Sei beim spannenden Gespräch mit zwei Praktikerinnen dabei. “Klasse! Mit Charakter”
“Klasse! Mit Charakter” mit Ina & Uta vom 26. April 2022. Sie wollen Eltern, Lehrkräfte, PädagogInnen inspirieren und ermutigen. Sie sagen: „Gerade jetzt gilt es die eigenen Werte und Tugenden zu erkennen und zu entwickeln!“
Die Trainerinnen Ina und Uta zeigen uns, wie sie Schulklassen darin unterstützen, einen eigenen inneren Kompass zu stärken. Sie sind Teil des weltweiten „Virtues Projects“ und lassen uns teilhaben an ihren zahlreichen Erfahrungen. Außerdem praktizieren sie mit uns auch eine konkrete Übung, die unser Potenzial ins Licht heben kann. Für ein friedvolles Miteinander, in dem uns unsere Charakterstärken den Weg zu dringend notwendigen Lösungen ebnen. In Schulklassen, in Familien, in der Nachbarschaft und auch viel weiter gedacht! Lass Dich inspirieren!
Tugenden sind keine altbackenen Traditionen, sagt Ina Seidel-Rarreck. Die ausgebildete Tanzlehrerin hat ein Projekt für Schulen entwickelt, in dem Kinder spielerisch Tugenden wie Verbindlichkeit und Empathie lernen. Juliane Krebs hat eine Stunde in Gelsenkirchen besucht.
Gelsenkirchener Schüler bekommen im Unterricht Begriffe wie "Sorgfalt", "Achtsamkeit" und "Respekt" vemittelt. Warum die Schule dort einspringen muss, wo Gesellschaft und Familie oft versagen.
Gelsenkirchen. Die vertrocknete Blüte einer Sonnenblume macht die Runde im Stuhlkreis der Achtklässler. Besonders die Kerne erregen Interesse. Einige probieren, andere nehmen einen mit. Zum Einpflanzen. "Wenn daraus eine neue Sonnenblume wachsen kann, bedeutet das doch, dass alle Angaben, wie die mal aussehen wird, im Samen gespeichert sind. Wie auf einem Computerchip. Genau so ist das mit den Tugenden. Die sind alle in uns angelegt. Und so, wie wir diese Pflanze pflegen, müssen wir auch die guten Eigenschaften in uns selbst pflegen."
Ina Seidel-Rarreck ist selbstständige Trainerin für moderne Umgangsformen, Tugenden und Werte. Jede Woche kommt sie in die Malteserschule, eine Förderschule mit Schwerpunkt Lernen sowie seelische und emotionale Entwicklung im Gelsenkirchener Süden. „Die Tugend der Woche ist die Sorgfalt", klärt die 54-Jährige, was heute auf dem Programm steht. Für manch einen im Raum ist das noch ein abstrakter Begriff. „Das bedeutet, man trägt Sorge, dass etwas gut klappt. Das hat viel zu tun mit der Tugend vergangenen Woche. Welche war das?" Ein Schüler meldet sich: „Achtsamkeit." Richtig. "Aber man braucht noch vier andere Faktoren." Nummer Eins: "Zeit."
Das verdeutlicht ein praktisches Beispiel. Zwei weiße Blätter mit dem Bild eines Osterhäschens in der Mitte werden verteilt. Jeweils eine junge Dame soll diesen ausschneiden. Die eine in 30 Sekunden. Die andere in der Zeit, die sie braucht. Natürlich rägt das erste Ergebnis Spuren der Eile. Sofort überträgt die Trainerin dies auf die täglichen Hausaufgaben. „Wenn ich die unter Zeitdruck mache, sehen die so aus. Denkt immer an den Hasen."
Debatte um Werte
Im vergangenen Jahr wurde deutschlandweit die Debatte um Werte derart groß, dass der Verband Bildung und Erziehung eine Studie dazu in Auftrag gab. Das Ergebnis: Eltern wie Lehrern sind Tugenden wichtig. Gleichsam sehen sie sie nicht mehr vermittelt. Bestenfalls gut die Hälfte der Eltern geben je nach Fragestellung an, der eine oder andere Wert werde erfolgreich gelehrt. Die Vermittlung wird heute im Wesentlichen als eine Aufgabe der Schule angesehen.
Früher wirkten an der Erziehung von Kindern viele Menschen mit, allen voran die unterschiedlichen Generationen innerhalb der eigenen Familie. Aber auch die Mitglieder der individuellen sozialen Strukturen, die Nachbarn, der Fußballtrainer, der nette Polizeibeamte, der den Bezirk zuständig war. Heute beherrschen der Drang nach Selbstentfaltung und der daraus resultierende Individualismus das Leben. Das Miteinander in der realen Welt leidet darunter, so die Studie. „Man müsste tatsächlich erst die Eltern schulen", sagt Ina Seidel-Rarreck.
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